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Longo maï

Landkooperativen Longo maï: Pioniere einer gelebten Utopie

Libertäres Alternativprojekt, gescholten und bewundert. Zu einer neuen Untersuchung der Landkooperative Longo mai. Von Rupert Neudeck

Immer war Longo Mai ein Geheimtipp, wir wussten etwas von dieser großen herrschaftsfreien Landwirtschaftskooperative, die sich in der Provence in Grange Neuve gebildet und aufgebaut hatte. Aber es blieb oft wie eine Art Geheimwissen, dem man nicht trauen konnte. Andreas Schwab hat es unternommen, die „Landkooperative Longo mai“ als Pioniere einer gelebten Utopie“ zu beschreiben. Der 1973 gewählte Name kommt aus dem provenzalischen Dialekt und will etwa bedeuten: „Es möge lange währen“.

 

Der Autor hält das für bedeutend, denn andere Genossenschaften sind untergegangen oder ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet. Das Jasnaja Poljana von Leo Tolstoj, die Sonnenanbeter auf dem Monte Verita bei Ascona oder auch die Künstlerkolonie Worpswede mit Heinrich Vogeler und Paula Moderson-Becker. Die Kooperative lebt, rund 200 Menschen leben heute in Longo mai-Siedlungen in Frankreich, Österreich, Deutschland, in der Schweiz, in Costa Rica und in der Ukraine. Das Buch macht mit den wichtigsten Facetten dieser Kooperativ-Bewegung in Europa vertraut.

 

Jetzt werden scheibchenweise die Ursprünge dieser im Dreieck zwischen Frankreich, der Schweiz und Deutschland entstammenden landwirtschaftlichen Utopie deutlich, die sich einmal an den provenzalischen Dichter Jean Giono und dessen Buch „Vom wahren Reichtum“ anlehnt. Es ist ein bisschen 1968, es ist die Generation, die mit dem Ausstieg flirtete, es sind auch andere Momente eines libertären oder syndikalistisch-anarchistischen Weges, die aber alles nicht exklusiv formuliert sind., Deshalb heißt es in dem schönen Buch: „In der Geschichte von Longo mai wurde das Umherschweifen immer positiv gesehen“.. Eine Publikation aus den früheren Jahren heißt nicht von ungefähr: „Almanach für Ausreißer“. Es ist möglicherweise auch das säkularisierte Bedürfnis von Menschen, sich ganz etwas anderem als dem Geld und Karriere-Erwerb zuzuwenden, sondern einem selbstbestimmten Leben in einer schönen Gemeinschaft.

 

„Einen Zwang zum Kochen gibt es nicht, sagt einer der Gesprächspartner aus der französischen Initiative: da jedoch alle essen wollen, fühlen sich auch alle mehr oder weniger verantwortlich dafür, dass gekocht wird Wer wann an der Reihe ist, wird auf einer Küchenliste festgehalten.“

 

Das Gemeinschaftsleben hat es für menschliche Gesellschaften neben den Familien, den Clans, den Individualisten immer gegeben. Es gab Klöster, es gab Kibbuze, es gab Kooperationen und Genossenschaften vielfältiger Art. Das was Longo mai so geheimnisvoll macht, ist die Tatsache, dass es keinen Gründer gibt. Der Autor würde gern etwas über Roland Perrot erfahren, der dort Remi genant wird, der ein wenig zu den Gründern der Longo Mai galt. Er war im Algerienkrieg aus der französischen Armee desertiert, wurde gesucht und legte seine Hoffnungen in die Studentenrebellion 1968. Aber der Autor bekommt nicht viel heraus aus der verschworenen und sympathischen Gemeinde. Außer, dass er zu viel regulieren, bestimmen, in feste Formen gießen wollte.

 

Da die Geschichte der Landkooperative ein Erfolgsmodell war (wie das zentrale Kapitel überschrieben ist), darf es nicht wundern, dass etwas so Alternatives, was alles in der kommerzialisierten Gesellschaft in Frage stellt, auch von einer Medienkampagne in Frage gestellt wird, erst in der Schweiz, dann in Frankreich. In der Basler AZ, im Schweizerischen Beobachter wie in der Boulevardzeitung Blick gibt es heftige Totschlagdarstellungen, die das Unternehmen erledigen sollen.

 

Während unzählige junge Idealisten dem Ruf von Longo mai gefolgt sind, leben die Bosse in Saus und Braus, kutschieren mit den Spenden in teuren Autos umher und steigen in Luxushotels ab. Es gab einen Renault Alpine. Es kamen, wie Longo mai damals vorrechnete, auf 150 Erwachsene gerade mal 21 PKWs. Es war wie so oft mit Organisationen: Wer zu viel Erfolg hat, dem wird er missgönnt. Sie waren auch Konkurrenten von Hilfswerken, die um ihre Spenden fürchteten, sobald sich Longo mai als erfolgreicher Mitbewerber um die Spenden auf dem Markt breitmachte. Als sich im Februar 1980 gerade der Sturm der Erregung legte und der Journalist Arnold Fisch in der Berner Zeitung der „Bund“ um Gerechtigkeit warb für diese ursprünglich großartige Idee, ging der Sturm der Entrüstung in Frankreich los, dort mehr aus den Kreisen der mächtigen Kommunistischen Partei, die das Unternehmen als libertäres Konkurrenzprojekt ansah.

 

Es ging noch weiter. Wie die Bolschewiki hätten die Gründer und Mitglieder von Longo mai alle Brücken zur bürgerlichen Ordnung abgebrochen. Bürgerliche Gefühle wie Freundschaft, Liebe, Dankbarkeit müssten erstickt werden. Der Einzelne – so im Spiegel – müsse bei Longo mai alle persönlichen Bindungen aufgeben und in der Gruppe aufgehen. Ein Privatleben gäbe es nicht mehr. Der Autor besucht die anderen (vergleichsweise kleineren) Kooperativen wie die Spinnerei Chantemerle bei Briancon, die Weinbaukooperative Cabrery, den Ulenkrug in Mecklenburg-Vorpommern.

 

Im Ulenkrug trifft der Autor auf eine Journalistin Herma, die mit ihren Idealen weiterleben will. Herma sei eine kommunistische Ex-Journalistin, die ihre Träume nicht zusammen mit der DDR begraben wollte, die mit über 40 Jahren bei Longo mail noch mal anfing und ihr Leben jetzt als gerade Linie sehen kann.

 

Die Bewegung hat nichts für Spinner und Esoteriker übrig. Wer da keinen Alkohol trinkt, nicht raucht und kein Fleisch isst und sich dann noch wundert, dass bei Longo mai das Transzendentale und Spirituelle fehle, der darf sich nicht wundern. Das Fazit des Autors ist klar: Bei Longo mai gäbe es keine offen gelebte Religion oder Spiritualität, „hier geht niemand in sich, um sich selbst zu finden. Voll diesseitig ausgerichtet, sucht Longo mai die Aktion im Hier und heute“.

 

Die Bewegung hat sich als alternativ gehalten. Das Motto von Erich Mühsam darf sich die Bewegung zugute halten: „Menschen! Besinnt euch auf eure Kraft! Zur Arbeit, die Frieden und Freude schafft!“

 

Die Bewegung ist auch im demographischen Umbruch, die Gründergeneration kommt ins Rentenalter, für die Unterbringung, die mögliche Pflege müssen Wege und Lösungen gefunden werden. Jedenfalls bestehe bei Longo mai die Absicht, die Solidarität unter den Generationen aufrechtzuerhalten.

 

Die Bewegung hat vierzig Jahre auf dem Buckel und lebt, so das Fazit des Buches. Es ist weiter das klare Bestreben, nicht nach den Gesetzen d er Wirtschaftlichkeit zu arbeiten. Im Gegenteil, Longo mai möchte sich dem Trend der Dezimierung der Bauern durch die Agrarindustrie entgegenstellen, die Saatgut, Dünger, Wasser und die übrigen Ressourcen kontrolliert. Das scheint mir heute weiter revolutionär und mutig zu sein.

 

Anstatt mit wenigen Menschen und dem Einsatz immer zahlreicher Maschinen einen möglichst hohen Geldbetrag zu erwirtschaften, setzte Longo mai auf das gegenteilige Konzept: Mit Menschenkraft und dem Einsatz natürlicher Ressourcen aus Boden, Wasser und Sonne Nahrungsmittel und Gebrauchsgüter zu produzieren. Und in Chantemerle wird Strom produziert. Wasser läuft durch eine High Tech Apparatur. Damit werden pro Jahr nicht weniger als 100.000 Kilowattstunden Energie produziert. Der Hof verbrauche davon 30.000, der Rest werde in das allgemeine Stromnetz eingefüttert. Auch darin wird die Kooperative führend: Eine Pionierin der Energiewende.


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